Angst

Handeln gegen die Angst

Als alleinerziehende Selbständige – und als Krisenmanagerin – bin ich ja grundsätzlich eher gelassen, wenn es darum geht, dass eine Situation sich zuspitzt oder es finanziell eng wird. Bis mir etwas Angst macht, dauert es schon ein wenig. Als allerdings gestern Frankreich eine Ausgangssperre verhängt hat, um die Ausbreitung des Coronavirus weiter einzudämmen, wurde mir doch etwas mulmig. Freiwillig zuhause zu bleiben ist eine Sache. Aber wenn der Staat mich dazu zwingt, finde ich das doch beunruhigend.

Am meisten nervt mich daran, dass hier eine Maßnahme ergriffen wird, die nach Aussage von Virologen Quatsch ist. Beim Spaziergang im Park holt man sich eher keine Infektion mit Corona. Dafür steigt aber die Rate an häuslicher Gewalt und psychischer Belastung ganz massiv an, wenn man über Wochen – und darauf wird es ja hinauslaufen – zuhause eingesperrt ist.

#StayHome

Natürlich ist es trotzdem angezeigt, die persönlichen Kontakte möglichst zu reduzieren. Und natürlich bleiben wir möglichst drinnen. Für viele bedeutet das neben einem Lagerkoller aber ganz massive finanzielle Einbußen. Und auch das macht vielen – und zwar zu Recht – Angst.

Die Bundesregierung hat sehr schnell Maßnahmen angekündigt und ergriffen, um die finanziellen Schäden überstehen zu helfen. Und obwohl diese Maßnahmen grundsätzlich allen Selbständigen und Unternehmern zur Verfügung stehen, sieht man doch, dass die Regierenden in großen Zahlen denken und kleinere Betriebe oder Solo-Selbständige in ihrer Politik wenig Berücksichtigung finden. Welche betrieblichen Kosten soll eine Lehrbeauftragte haben, deren Vorlesungen gerade ausfallen? Wenn das Home-Office ein Schreibtisch im Wohnzimmer ist, gilt noch nicht mal die Miete für die 2,5 qm als Betriebsausgabe! Die zuerst betroffenen Freiberufler brauchen keine Kreditlinien, um ihre Selbständigkeit aufrecht zu erhalten. Die brauchen Geld für ihre private Lebenshaltung. Genau wie die Aushilfen in der Gastronomie, für die kein Kurzarbeitergeld gezahlt werden wird.

Grundeinkommen vs. Arbeitslosengeld

Ein großer Teil der Selbständigen, denen gerade ihr Einkommen wegbricht, ist nicht gegen Arbeitslosigkeit versichert. Die Möglichkeit der freiwilligen Versicherung gibt es zwar seit einigen Jahren. Sie steht aber nicht allen offen. Und wer ständig finanziell auf Kante näht, der klemmt sich den Beitrag vielleicht aus Notwendigkeit. Das bedeutet, die soziale Absicherung heißt ALG II, oder Hartz IV. Für viele fühlt sich das an wie eine zusätzliche Strafe. Vielleicht haben sie schon schlechte Erfahrungen mit dem Jobcenter gemacht. Oder sie kennen nur Horrorgeschichten von anderen. Wer redet schon darüber, wie Hartz IV ihr mal den Arsch gerettet hat, als ihr Kind krank wurde und sie über Monate kaum noch Aufträge annehmen konnte?

Man kann am System ALG II vieles schlecht finden. Lasst mich das korrigieren: Vieles am SGB II und seiner Umsetzung ist grottenschlecht. Aber: Es gibt bei uns diese Grundsicherung, damit in Krisensituationen dein persönliches wirtschaftliches Überleben gesichert ist. Weitgehend egal, wie die Krise entstanden ist. Die Bundesagentur für Arbeit hat auf Corona reagiert und akzeptiert derzeit Anträge auch ohne persönliche Vorsprache. Nicht wegen der bereits erhöhten Nachfrage, sondern um ihre Mitarbeiter vor Ansteckung zu schützen. Was nämlich richtig blöd wäre: Wenn niemand da wäre, um die Anträge zu bearbeiten.

Was für ein Scheißgefühl!

Arbeitslosengeld II beantragen zu müssen, fühlt sich mies an. Und dann musst du es noch tun, obwohl du selber nichts dafürkannst. Die Nachfrage ist nicht zurückgegangen, weil deine Leistung schlecht ist. Sondern wegen einer Anordnung der Regierung. Und dann machen die alles nur für „die Großen“! Und du musst sehen, wie du klarkommst. Zum Jobcenter gehen. Was für ein Riesenmist! Wie ungerecht!

Kein Wunder, dass derzeit die Forderung nach Grundeinkommen besonders laut zu hören ist. Und sicher dürfte es kaum eine Situation geben, in der die Idee des Grundeinkommens so überzeugend einer breiteren Bevölkerungsschicht nahegebracht werden kann. Ich muss zugeben, ich habe da zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits bin ich für ein Grundeinkommen. Andererseits hilft es mir selber emotional überhaupt nichts, nach Hilfe durch Dritte zu rufen, obwohl es etwas gibt, das ich selber tun kann (auch wenn mir das, was es gibt, nicht in den Kram passt). Auf den Erfolg einer Petition zu warten gibt mir eher das noch schlimmere Gefühl, auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen von Olaf Scholz ausgeliefert zu sein. Schönen Dank.

Was kannst du konkret tun?

Nun sitzt du also zuhause und musst mit der angespannten Situation zurechtkommen. Vielleicht sind deine Kinder zuhause. Denen wird irgendwann langweilig. Die machen sich auch ihre Gedanken. Das musst du ebenfalls auffangen. Vielleicht sorgst du dich um deine Eltern oder Freunde, die in der Pflege arbeiten oder im Verkauf. Wenn ich Angst habe, hilft es mir, wenn ich wieder ins Handeln komme. Angst hat viel mit dem Gefühl zu tun, dass ich keine Kontrolle habe. Wenn wir handeln, löst sich auch die Angst. Das ist einer der Gründe, warum ich für ALG II bin statt Grundeinkommen. Wenn du den Antrag ausfüllst, verschafft dir das so viel mehr Kontrolle als eine Petition zu unterschrieben. Unterschreib die ruhig trotzdem! Aber übernimm auch Kontrolle.

Hilfen für Selbständige

In den nächsten Wochen geht es darum, ob dein Geschäftsbetrieb überlebt. Sicherung der Liquidität ist das oberste Gebot. Fragen wie Entschädigungen oder welche Folgen die Unterbrechung für deinen Erfolg hat, sind ein Thema für später. Was kannst du aktuell tun?

  1. Mach einen Kassensturz. Welche Geldmittel hast du zur Verfügung, wie lange kannst du damit deine Kosten decken?
  2. Kosten senken: Welche Kosten kannst du einsparen, wenn du derzeit nicht produzierst / verkaufst /auftrittst? Kannst du Zahlungsaufschub bei Lieferanten erhalten? Die sind vermutlich auch gerade in Not, haben aber ein Interesse daran, dass es ihre Kunden nach der Krise noch gibt. Redet auf jeden Fall miteinander!
  3. Bevor du Mitarbeiter entlässt, denk daran, dass du sie brauchst, wenn es weitergeht! Erkundige dich, ob Kurzarbeitergeld für dein Unternehmen in Frage kommt. Mitarbeiter, die mit Kurzarbeitergeld nicht auskommen, können Anspruch auf ergänzendes ALG II haben. Mach dich selbst schlau und hilf deinen Mitarbeitern!
  4. Sprich mit deiner Hausbank. Diese ist für die Abwicklung der Corona-Hilfen über die KfW der richtige Ansprechpartner.
  5. Schau dir dein Geschäftsmodell daraufhin an, was du digitalisieren kannst. Gibt es Möglichkeiten, auch ohne direkten Kundenkontakt Umsätze zu generieren?

Privat über die Runden kommen

Nachdem du dein betriebliches Überleben hoffentlich sichergestellt hast, stellt sich vermutlich immer ich die Frage: Wovon lebst du privat, wenn das Geschäft derzeit keinen Gewinn abwirft?

Notgroschen
  1. Mach einen Kassensturz. Genau wie für das Geschäft trägst du alles zusammen, was du privat an Geldmitteln hast. Wie lange kommst du damit aus?
  2. Kosten senken. Welche Kosten kannst du reduzieren? Und welche lieber nicht, weil du sonst durchdrehst, wenn du 4 Wochen in der Butze sitzt? Nutze alle Rabatte, auf die du (jetzt) Anspruch haben könntest.
  3. Sprich offen und ehrlich mit deiner Familie. Welche Einkünfte sind noch da? Wer leistet welchen Beitrag? Wie verändert das evtl. auch die Dynamik in der Beziehung oder Familie? Wenn du die Haupteinkommensquelle warst und das jetzt wegfällt, mach allen klar, was geht und was nicht geht.
  4. Prüfe Möglichkeiten, Geld einzunehmen. Verkaufe, was du schon ewig ausmisten willst. Aktien zu verkaufen ist derzeit wohl keine gute Idee, aber unter Umständen trotzdem nötig. Überlege auch, ob du dir für eine gewisse Zeit einen neuen Job suchen kannst. In welchen Branchen steigt derzeit die Nachfrage nach Mitarbeitern? Wenn du sowieso keine Aufträge hast, warum dann nicht die alten Kenntnisse aus der Zivi-Zeit ausgraben und die Menschen in der Pflege entlasten?
  5. Beantrage Sozial-Leistungen, wenn das nötig ist. Wohngeld, Arbeitslosengeld, Arbeitslosengeld II und Zuschuss zum Kindergeld haben unterschiedliche Voraussetzungen und Ansprechpartner. Haben deine Kinder vielleicht neuerdings einen BaföG-Anspruch, weil dein Einkommen weggefallen ist?

Es ist alles Mindset!

Sagt sich so leicht, aber es ist viel dran. Wie wir durch eine Krise kommen, hat auch mit unserer Einstellung dazu zu tun. Als Selbständige gehören wir doch zu den Resilienten! Wir sind es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen, Unsicherheit auszuhalten und Probleme zu lösen. Sonst hätten wir uns nicht selbständig gemacht.

Oder so. In vielen Branchen gibt es überhaupt keine festen Jobs mehr. Da sind die Leute nicht selbständig, weil sie es so wollen. Sondern weil das die einzige Möglichkeit ist, ihren Job ausüben zu können. Wer selbständig ist, sei selber schuld und solle jetzt nicht nach dem Staat schreien, habe ich dieser Tage mal wieder gelesen. Das sagt sich leicht. Und natürlich: Egal aus welchem Grund man selbständig ist: Das unternehmerische Risiko zu tragen gehört dazu. Wer das nicht aushalten kann, der sollte sich tatsächlich lieber neu orientieren. Aber vielleicht denken wir auch ab und zu mal daran, was alles nicht mehr – oder nicht mehr so billig – zu haben wäre, wenn das wirklich alle täten.

Wenn dir eine Situation Angst macht, ist das o.k. Das heißt nicht, dass du lieber aufgeben solltest. Oder dass es keine Lösung gibt. Angst ist eine Reaktion des Körpers auf eine Gefahr. Er mobilisiert damit deine Kräfte. Wie du die nutzt, das entscheidest du. Du kannst online alle Schreckensnachrichten lesen und dich immer weiter in die Angst reiten. Oder du kannst tief ein- und ausatmen, der Angst zunicken: „Danke, dass du mich gewarnt hast. Ich übernehme jetzt.“ Und dann einen Schritt nach dem anderen die Herausforderungen annehmen.

Stay safe! Natalie

Quellen:

Titelbild: Photo by Aarón Blanco Tejedor on Unsplash

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