Natalie Junge_Verzicht

Fasten in der Pandemie

Oder: Verzichten wir nicht bereits auf genug?

Wenn im Rheinland die Menschen närrisch werden, frage ich gern in meinem Umfeld rum, wer 7 Wochen Ohne mitmacht. Und worauf denn dieses Jahr verzichtet wird. Dieses Jahr war ja nun nichts mit Fasching, und die anstehende Fastenzeit scheint deshalb ein wenig unter zu gehen. Trotzdem würde ich gern wissen: Worauf verzichtet ihr dieses Jahr zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag?

Nun denken sicher einige – völlig zurecht: Wir leben seit einem Jahr mit mehr oder weniger starken Einschränkungen. Seit Mitte Oktober quasi im Lockdown (ich benutze das Wort mal, weil es sich durchgesetzt hat. Faktisch haben wir natürlich in Deutschland keinen Tag Lockdown gehabt). Wir fahren nicht in den Urlaub, gehen nicht zur Schule, nicht auf Partys, nicht ins Büro, wenn es sich vermeiden lässt. Was denn noch?

Die Maßnahmen, mit denen der Pandemie begegnet wird, haben für viele von uns harte Einschnitte mit sich gebracht. Wer seinen Job oder fast alle Aufträge verloren hat, mit den Kindern in der Butze sitzt und neben Home-Office noch Home-Schooling wuppen soll, wer alleine lebt oder in einer Gewaltsituation, wer eine psychische Erkrankung oder körperliche Beeinträchtigung hat und ohne sein Netzwerk zurechtkommen muss, und so viele mehr! All diese Menschen verzichten auf ganz schön viel. Und jetzt noch fasten?

Freiwilliger Verzicht statt verordneter Einschränkungen

Ja, finde ich. Gerade jetzt. Wir fasten ja sowieso nicht wirklich radikal. Nicht wie Muslime, die in ihrer Fastenzeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang keinerlei Nahrung zu sich nehmen. Das ist Hardcore! 7 Wochen Ohne ist doch dagegen eher Fasten für Warmduscher. Früher war das anders, aber in unserer modernen Welt sind die Regeln eben auch moderner geworden. Manche fasten tatsächlich. Aber die meisten verzichten auf eine Sache, als Symbol. Und diese Sache sucht man sich auch noch selber aus. Also bitte!

Die Fastenzeit soll eine Zeit der Einkehr sein, des sich auf sich selbst Besinnens. Erkennen, wie gut man es hat, indem man auf etwas verzichtet, von dem man eigentlich genug hat. Wenn ihr mich fragt, die Pandemie hätte diese Zeit sein können. Ich erinnere mich an hoffnungsvolle Artikel aus den ersten Wochen damals, als Utopien gesponnen wurden, wie die Pandemie unsere Welt positiv verändern kann.

Mittlerweile dürfte klargeworden sein, dass eine Krise zunächst mal alle Schwachstellen des Systems unter dem Stein hervor und ans Licht zerrt. Das hat nicht viel mit Utopie zu tun, das nervt einfach nur. Und zwar alle und jeden. Die einen, weil sie plötzlich die Schwachstellen sehen und alles traurig und ungerecht finden. Und die anderen, weil ihnen klar wird, wie viele von den Schwachstellen tatsächlich überrascht sind, und dass es noch sehr lange dauern wird, bis die mit Rumheulen fertig sind und man zusammen an die Arbeit gehen kann, um die Schwachstellen aufzuräumen.

Was dem einen seine Utopie…

Und dann, wenn wir anfangen, uns den Schwachstellen zu widmen, die Verantwortung wieder in die eigenen Hände nehmen, aus den Fehlern lernen und gemeinsam bessere Systeme bauen, dann vielleicht werden die schönen Utopien wahr. Bis zur nächsten Krise, in der dann unsere blinden Flecken von heute die Schwachstellen unter dem Stein von morgen sind. Aber so ist der Lauf der Welt.

Am Lauf der Welt kann man verzweifeln. An den aktuellen Einschränkungen und den üblen Folgen, die das ausgerechnet für die Schwächsten in unserer Gesellschaft hat, kann man verzweifeln. Die Ungerechtigkeit kann einen rasend machen. An der Angst vor einer Erkrankung kann man ersticken und an der Wut über die Leugner und Maßnahmen-nicht-Einhalter, die den Schutz durchlöchern und dadurch die Maßnahmen immer weiter ausdehnen, droht mir manchmal eine Schlagader zu platzen.

Die Kontaktbeschränkungen haben uns verstärkt in die digitalen Medien geschoben, wo wir Debatten mitverfolgen (müssen), über die man oft nur den Kopf schütteln kann. Nächstes Jahr, wenn wir wieder ausgehen dürfen, mach ich 7 Wochen Ohne Social Media. Dieses Jahr wäre das wohl ein direkter Weg in die totale Vereinsamung.

Aber die Maßnahmen haben uns doch auch noch andere Dinge gezeigt. Das, was wir wirklich vermissen, ist mit Geld nicht zu bezahlen. Zeit mit unseren Freunden zu verbringen. Sich in den Arm nehmen zu können. Schweigend nebeneinander zu sitzen und eine Theateraufführung anzuschauen. Oder den Sonnenuntergang. Ein unerwarteter Flirt morgens in der Bahn. Ein Abend zu zweit, ohne die Kinder. Das Privileg, jemanden, der im Sterben liegt, noch einmal sehen zu können. Sich kümmern zu dürfen. In Trauer zusammenzukommen. Und in Zeiten der Freude.

Es ist alles so anstrengend!

Diese Zeit ist anstrengend. Für uns alle. Und wir unterschätzen grob, wie lange es danach dauern wird, bis wir uns alle davon erholt haben werden. Und in unserer Anstrengung, schnell wieder normal weiterzuleben ist es leicht zu vergessen, dass es Menschen gibt, für die das Dauerzustand ist: Das Leben in einer Krise. Natürlich in Krisenregionen oder Flüchtlingslagern an unseren Außengrenzen und anderswo.

Doch auch in unserem Land gab es schon vor Corona: Kinder und Erwachsene mit psychischen Erkrankungen, die nicht gut versorgt werden und monatelang auf Therapieplätze warten müssen. 25 Suizide pro Tag (in 2019). Viel zu wenig Pflegepersonal. Geschlossene Intensivstationen. Kinder, deren Eltern ihnen bei den Hausarbeiten nicht helfen können. Lehrer, die sich weit über den Job hinaus für eben diese Kinder einsetzen. Genau wie Lehrer, die sich weigern, sich eine Emailadresse zuzulegen, aber unsere Kinder auf eine digitale Welt vorbereiten sollen. Obdachlose, die im Winter erfrieren. Einsame, alte Menschen. Patchwork-Lebensläufe mit den wildesten Kombinationen aus Teilzeitjobs und selbständiger Arbeit, mit denen Menschen die Familie gerade so durchbringen. Und ruiniert sind, wenn eins davon wegfällt, weil das andere dafür sorgt, dass man auf keinerlei Hilfen Anspruch hat. Männer und Frauen, die in ihren Partnerschaften Gewalt erleben. Kinder, die von ihren Eltern verprügelt werden. Sexuellen Missbrauch. Perspektivlosigkeit. Andere Krisen, die noch obendrauf kommen, wenn man es gerade überhaupt nicht gebrauchen kann.

Fasten – weil man es kann

Vielleicht braucht es tatsächlich in diesem Jahr keine 7 Wochen Ohne, um sich des eigenen Wohlstands bewusst zu werden und Dankbarkeit dafür auszudrücken. Oder die Krise ist gerade ein guter Moment um sich klar zu machen, wie gut wir es selbst jetzt noch haben. Was uns fehlt, ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Womit wir das ersetzen, darauf werden wir gerade jetzt nicht verzichten wollen: Soziale Medien, Streaming, Essen liefern lassen. Unser Konsum wird außerdem gern als Gegenmittel für vom Lockdown betroffene Unternehmen gepriesen: Nutzt die regionalen Online-Angebote!

Da ist es gar nicht so einfach, sich bewusst für Verzicht zu entscheiden. Aber Verzicht hat neben Dankbarkeit und Wertschätzung noch einen anderen Aspekt: Den der Kontrolle über dich selbst. Wer bestimmt, was du konsumierst? Bei wem du kaufst? Ob du fehlende soziale Kontakte kompensierst, indem du Netflix durchguckst. Ob du das Geld, das du derzeit nicht ausgeben kannst, anlegst oder spendest? Oder sinnlosen Kram online shoppst? Wie es dir geht und womit du dich beschäftigst?

7 Wochen Mit

Wenn dich die Aussicht auf 7 Wochen Ohne wirklich nicht motivieren kann, ist vielleicht ein alternativer Ansatz etwas für dich, der in den letzten Jahren immer beliebter geworden ist: 7 Wochen Mit. Statt auf etwas zu verzichten, tust du 7 Wochen lang etwas, das dir guttut und was du normalerweise nicht regelmäßig in deinen Alltag integriert bekommst. Das kann eine in sich geschlossene Kampagne sein. 7 Wochen sind aber auch ein guter zeitlicher Rahmen, um sich an neues Verhalten zu gewöhnen. Falls du also schon immer lernen wolltest, vor dem Sonnenaufgang aufzustehen: Der ist morgen um 7.34 Uhr und am Karfreitag um 6.50 Uhr.

Pandemie-konforme Ideen für 7 Wochen Mit:
  • Jeden Tag eine Person aus deiner Kontaktliste anrufen (jeden Tag eine andere!), um zu hören, wie es ihr geht.
  • Jeden Tag mit der Yoga-Übung Sonnengruß beginnen. Jede Woche die Zahl der Wiederholungen um 1 steigern.
  • Jede Woche einen Baum über Treedom pflanzen.
  • Meine Challenge 7 Wochen Krisenvorsorge nochmal machen – wobei ich zugebe, dass die meisten Menschen sich mitten in einer Krise nicht unbedingt auf die nächste vorbereiten wollen. Obwohl das klug wäre.
  • Täglich nach dem Mittagessen einen Verdauungsspaziergang machen.
  • 7 Wochen lang jeden Tag ein neues Rezept ausprobieren.
  • Täglich eine Dokumentation angucken.

Ob du also fastest oder nicht, wie und warum: Die nächsten Wochen sind eine Übergangszeit. Es wird Frühling, die Impfraten steigen, die Rufe nach Ausstieg aus dem Lockdown werden lauter. Und die Auseinandersetzung damit, was in der Pandemie wie gut oder schlecht gelaufen ist, steht ebenfalls an. Gleichzeitig sind wir aber noch lange nicht durch. Die Zeit bis Ostern kann ein letztes Durchatmen sein, bevor der Alltag wieder losgeht. Oder eine letzte Kraftanstrengung erfordern, um bis dahin durchzuhalten. Achtet aufeinander und auf euch selbst. Seid nachsichtig mit denen, die anders mit Krisen umgehen als ihr für richtig haltet. Und macht euch klar, dass auch ein Leben, das gefühlt auf Halde liegt, das eine Leben ist, das ihr habt. Macht was draus!


Foto: Fotolia

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