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Corona im Flugzeug

Warum ist DAS erlaubt?

Sommerferien! Die ersten Deutschen sind schon in den Urlaub geflogen. Bilder von voll besetzten Maschinen machen die Runde in einer Bevölkerung, die seit Monaten Abstand zu ihren Liebsten halten muss. Und sich fragt: Warum darf man im Flugzeug eigentlich so eng beieinander sitzen, nachdem man mit zwei Metern Abstand durch die Security geschleust wurde? Und bei dem einen oder der anderen regt sich Unmut über vermeintliche Ungleichbehandlung von verschiedenen Betrieben.

Ungleichheit und Unsicherheit sind keine gute Mischung

Die anhaltende Corona-Pandemie stellt Bürger, Politiker und Experten aller relevanten Fachrichtungen vor große Herausforderungen. Eine dieser Herausforderungen hat sich schon ganz früh abgezeichnet. Im März, als die Bundesländer in ganz unterschiedlichem Tempo ihre individuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eingeführt haben. Damals wurden sehr schnell die Rufe nach Einheitlichkeit laut. Die Bundeskanzlerin sollte übernehmen. Und das hat sie dann ja schlussendlich auch. Aber ich weiß aus persönlichen Gesprächen, und im Internet konnte man das ja durchaus auch verfolgen, dass ihre erste Ansprache vielen zu spät kam. Und auch zum Teil als immer noch nicht entschlossen genug wahrgenommen wurde.

Seit Beginn der Pandemie können wir beobachten, wie schwer es den Menschen fällt, mit Unsicherheit umzugehen. Und wie nicht nur ganz unterschiedlich darauf reagiert wird. Es wird auch die Reaktionsweise aller anderen infrage gestellt. Da gibt es die „Schafe, die sich zur Schlachtbank führen lassen“, genauso wie die „Verschwörungstheoretiker“. In jedem Fall ist klar: Die (anderen) haben keine Ahnung!

Keine Ahnung zu haben ist in Ordnung

Ja, nee. Müssen sie auch nicht. Weil es nämlich nicht ihr Fachgebiet ist. Ich zum Beispiel habe von ganz vielen Sachen keine Ahnung. Gas-Wasser-Installation. Design. Kryptowährungen. Und obwohl mein Stiefvater immer sagt, ich kann den Dimmer für das Deckenlicht ruhig selber einbauen, und technisch traue ich mir das durchaus zu, fühle ich mich doch wohler, wenn mein Kind in einem Zimmer schläft, in dem die Elektrik von einer Fachkraft verlegt wurde.

Nun muss man natürlich keine Fachkraft sein, um das Arbeitsergebnis beurteilen zu können. Geht das Licht an? Ja / Nein. Bin ich mit dem Flugzeug heil wieder nach Hause gekommen? Ja. Ist der Schmerz nach der Behandlung weg? Geht so. Gehen die Infektionszahlen bei uns zurück und öffnen die ersten Geschäfte wieder? Ja und ja.

Aber damit geht es ja erst richtig los. Neue Unsicherheit. Die Hoheit über die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus liegen wieder bei den Ländern. Jeder macht es wieder anders. Andere Themen rücken allmählich (wieder) mehr in den Vordergrund: die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, Rassismus, Arbeitsbedingungen in der Lebensmittelindustrie, Urlaubsplanung, als unfair empfundene Auflagen bei den Einen, riesige Rettungspakete für die anderen, Petitionen, neue Ausbrüche von Corona, Bilanzskandal bei Wirecard, ein neues Video von Rezo, Demos, Krawalle, wie lange überlebt unsere Kunstszene das noch?

Meinungsmache statt Ahnung

Und in dieser Unruhe lässt sich mit den scheinbaren Ungerechtigkeiten wunderbar Meinung machen. Und warum? Weil nun einmal die meisten Menschen keine Ahnung haben. Müssen sie auch nicht. Ist ja nicht ihr Fachgebiet. Nur, wenn man keine Ahnung hat, dann sagt man dem Arzt halt auch nicht, WIE die Diagnose gestellt wird. Man hört zu, macht die verordnete Therapie, und sieht ja dann, ob’s noch wehtut. Wenn man etwas nicht versteht, aber gern verstehen möchte, kann man fragen.

Aber leider werden Fragen im Netz ja nicht wie Fragen behandelt, sondern wie Statements. Da gibt es derzeit ein Bild, das im Netz kursiert, auf dem sind nebeneinander montiert: ein voll besetztes Flugzeug, in dem die Passagiere Behelfsmasken tragen, und ein leerer Theatersaal, in dem mehr Stühle ausgebaut sind als drin, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Und darüber die Frage:

Warum ist das eine erlaubt, und das andere nicht?

Zugegeben: Beide Bilder nebeneinander sehen komplett bekloppt aus. Ein voll besetztes Flugzeug, in dem es schon zu normalen Zeiten zu eng ist. Und ein Theater, in dem auf gar keinen Fall genug Publikum untergebracht werden kann, um eine Aufführung wirtschaftlich zu rechtfertigen. Wenn man dann noch die 9 Milliarden Euro im Ohr hat, die der Staat gerade der Lufthansa als Hilfe zur Verfügung stellt, und selbst Künstler oder Veranstalter kennt, die in dem Dilemma „Soforthilfe für die Betriebskosten oder die Arbeitslosenversicherung für die private Lebenshaltung in Anspruch nehmen“ feststecken. Dann erklären sich die aufgeregten Kommentare unter dem Bild ganz gut. Dabei ist das ja eine durchaus berechtigte Frage. Warum ist denn das Fliegen erlaubt, der Besuch eines voll besetzten Theaters aber nicht?

Die Antwort hat wenig bis gar nichts mit Lobbyismus oder Unfairness zu tun, und auch nicht mit fehlender Wertschätzung für die Kunst. Es ist der technische Unterschied zwischen beiden Räumen.

Klimaanlage als Virenschleuder

Normale Klimaanlagen, wie sie zum Beispiel oft in Theatersälen verbaut sind, saugen die Luft aus dem Raum an, kühlen oder heizen sie und geben sie wieder an den Saal ab. Die Luft wird dabei nicht ausgetauscht. Aber wenn sich die Anlage über mehrere Räume erstreckt und mit dem Lüftungssystem verbunden ist, wie z.B. in einem Bürogebäude, kann die Luft von einem Raum in den anderen gelangen. Daher haben Klimaanlagen ihren Ruf als „Virenschleudern“. Offenbar spielt die Klimaanlage auch bei den jüngsten Ausbrüchen von Corona in Schlachthöfen eine Rolle.

Was also in einem klimatisierten Saal passiert, ist, dass die Luft permanent verwirbelt wird, Aerosole sinken nicht zu Boden, sondern werden schön im ganzen Raum verteilt. Was an der frischen Luft genau der Effekt ist, der das Ansteckungsrisiko verringert, weil der freie Raum riesengroß ist. Aber über Stunden in einem geschlossenen Raum, da sammeln sich die ausgestoßenen Erreger an. Wer dann noch während der gesamten Vorstellung dieselbe Maske trägt, erhöht das Ansteckungsrisiko für alle anderen weiter.

Und wie ist das im Flugzeug?

Die Klimaanlage in einem Flugzeug funktioniert etwas anders. Sie muss nämlich nicht nur die Temperatur regeln, sondern auch den Kabinendruck. Und da die Kabine relativ klein ist für die große Zahl atmender Menschen, muss die Luft ständig ausgetauscht werden, ca. alle 2 Minuten. Mit einem Theatersaal, in dem die Luft im Grunde nur durchgerührt wird, ist das nicht vergleichbar. Eher mit einer Gartenparty, auf der ein laues Lüftchen weht.

Kabinenluft bei Air Lingus

Ein weiterer Unterschied ist, dass Flugzeuge mit hoch effizienten Partikelfiltern ausgestattet sind, in denen Keime aus der Atemluft herausgefiltert werden. Außerdem strömt die Luft in einer Flugzeugkabine von oben nach unten an den Passagieren vorbei. So können sich Aerosole nicht über mehrere Sitzreihen verteilen. Das bedeutet nicht, dass es in einem Flugzeug keine Ansteckungsgefahr gibt. Aber sie ist relativ gering. Zumal, wenn man bedenkt, dass nebeneinander im Urlaubsflieger meist Personen sitzen, die auch sonst zusammen sind. Die Hauptansteckungsgefahr im Flugzeug sind Schmierinfektionen. Das Desinfizieren von Gegenständen, Lehnen oder Klapptischen ist daher auch dort angezeigt.

Das Theater ist kein Flugzeug

So unfair es ist: Fluggesellschaften und Theaterbetriebe haben ganz unterschiedliche Voraussetzungen, um dem Infektionsrisiko mit Corona zu begegnen. Und zwar weil die Sicherheit von Crew und Passagieren in einer Fluggesellschaft zum Kerngeschäft gehört. Jeden einzelnen Tag. Und für jede einzelne Person im Unternehmen. Theater haben eine ganz andere Aufgabe und Art zu arbeiten. Die Akribie, die im Transportwesen in die Sicherheit geht, geht auf der Bühne in die kreative Arbeit. Sicherheit spielt natürlich auch im Theaterbetrieb eine Rolle, aber die Probleme sind andere. Sicherung der Künstler und Künstlerinnen während der Performance, Bühnentechnik, Brandschutz.

Deshalb ist es überhaupt nicht hilfreich, beide Betriebsarten populistisch nebeneinander zu stellen mit der Frage „Warum geht das eine, aber das andere nicht?“. Damit impliziert man, dass es dafür nur üble Gründe geben kann. Man bedient das Narrativ von den Theatermachern als Opfer und der Industrie als Nutznießer der aktuellen Situation. Und keine Frage: Dass Katastrophen unterschiedliche Branchen unterschiedlich hart treffen, ist unfair. Und dass der Staat das nicht alles ausgleicht oder ausgleichen kann, ist ebenfalls blöd. Es gibt genug echte Herausforderungen und Kritikpunkte. Auf die sollten wir uns konzentrieren. Gemeinsam. Populistische Fragen, die ihre Antwort im Subtext schon mitliefern, brauchen wir in der aktuellen Krise sicher nicht noch mehr.

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Was wir aber unbedingt wieder mehr brauchen, und wo wir Fachleute viel öfter auch mal sachlich antworten müssen, sind offene Verständnisfragen. Warum ist das so? Welche Erklärung gibt es dafür? Können wir davon etwas für unsere eigene Situation lernen?

Und es ist völlig in Ordnung, wenn das damit beginnt, dass wir etwas sehen, das wir total bekloppt finden. Solange wir uns dann nicht damit zufriedengeben, dass es halt bekloppt ist. Sondern versuchen zu verstehen. Uns in Erstaunen versetzen lassen. Weiterdenken. Meine Güte, Theatermacher! Wenn jemand aus etwas Beklopptem eine gute Idee entwickeln kann, dann seid das doch wohl ihr!

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