Sehenden Auges in die Katastrophe

Wenn ich mir die Welt und ihre Debatten momentan so anschaue, komme ich nicht umhin mich zu fragen: Warum laufen so viele Menschen sehenden Auges in die Katastrophe? Und warum habe ich das Gefühl, diese Frage stellen sich irgendwie alle – Rechte und Linke, Öko-Faschisten und Wirtschafts-Liberale, Feministinnen und besorgte Bürger. Jeder hat so seine Vorstellung von Dystopie, die alle anderen irgendwie nicht sehen oder sehen wollen, „obwohl doch alle Informationen online verfügbar sind“.

Allen ist irgendwie klar: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Außer den sehr konservativen, sehr Alten, die eh nur noch ihre Zeit absitzen wollen. Und der FDP. Aber irgendwie kriegen wir die Kurve nicht. Und das hat natürlich damit zu tun, dass wir sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie eine Alternative zum herrschenden System aussehen soll. Dabei klingt ein intelligenter Umgang mit unseren Ressourcen eigentlich nach einem machbaren Konsens. Aber man kann eben auch nicht leugnen, dass wir in der Zwischenzeit sehr viel Zeit damit verbringen, einfach erstmal weiter zu machen, obwohl alle wissen, dass das blöd ist und uns höchst wahrscheinlich direkt in eine Katastrophe führt. Oder mehrere. Also:

Warum laufen Menschen sehenden Auges in die Katastrophe?

Zunächst mal bin ich überzeugt, dass die meisten das gar nicht tun. Der größte Teil der Menschen hat seine Aufmerksamkeit schlicht und ergreifend auf etwas Anderes gerichtet. Einen neuen Job finden. Auf die Ergebnisse der Fruchtwasseruntersuchung warten. Eine Präsentation für die Uni vorbereiten. Sich überlegen, ob man in die Nähe der kranken Schwiegereltern zieht oder seine Ehe riskiert, wenn man nein sagt. Einen Weg finden, die Kosten des Unternehmens zu reduzieren, ohne Arbeitsplätze abbauen zu müssen. Jemandem Erste Hilfe leisten. Eine Beerdigung organisieren. Ein Kinderzimmer einrichten. Schufa-Auskunft beantragen. Rechnungen bezahlen. Hausaufgaben kontrollieren. Kochen. Ein Mitarbeitergespräch führen. Den Alltag meistern, im Job und in der Familie. Leben eben.

Für viele Menschen sind die größeren Zusammenhänge 99% der Zeit irrelevant. Sie müssen sich mit dem Jetzt auseinandersetzen. Wenn die sich mit Katastrophen beschäftigen, dann mit denen im eigenen Leben. Und das ist Aufwand genug. Was wir also brauchen, sind Menschen, die das für uns tun: Im Blick haben, was außerhalb unserer eigenen, kleinen Welt so los ist und auf uns zukommen könnte. Nennen wir sie spaßeshalber Wissenschaftler, Journalisten und Politiker. In absteigender Reihenfolge der Vertrauenswürdigkeit, aber bei zunehmender Handlungsfähigkeit, wenn es darum geht, Erkenntnisse für die Gesellschaft umzusetzen.

Wenn Politiker diesen Job nicht gut machen und Journalisten nicht mehr als Korrektiv wahrgenommen werden, müssen Wissenschaftler direkt mit den Menschen kommunizieren. Die meisten Bürger haben aber selbst keine wissenschaftliche Ausbildung und daher Schwierigkeiten damit, die jeder wissenschaftlichen Debatte inhärente Unsicherheit als Qualitätskriterium wahrzunehmen. Die meisten Menschen wünschen sich klare, einfache, nachvollziehbare Antworten. Und die kann Wissenschaft eben sehr oft nicht geben. Und dann wird es leicht, sich wieder dem eigenen Leben zuzuwenden. Alles ist so kompliziert, es weiß eh keiner was Genaues, dann kann man es auch lassen. Ich bin raus!

Sehenden Auges?

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Jobs als Pädagogin, damals, vor meinem BWLer-Leben. Ich hatte im Kinderheim die Betreuung eines kleinen Jungen übertragen bekommen, bei dem die Verdachtsdiagnose Autismus im Raum stand. Er hat kaum kommuniziert, und wenn, dann durch Schreie, und wir dachten, dass er mit seinen 5 Jahren nicht sprechen konnte.

An einem schönen Sommertag auf einem Spaziergang über eine Wiese sprang er wie die anderen Kinder von einem Maulwurfshaufen zum nächsten und hatte viel Spaß. Ich sah ihm zu und traute meinen Ohren nicht. Mit jedem Hopser murmelte er vor sich hin: Maulwurfshügel.

Mein bestes Lernerlebnis

Das nächste Wort, dass ich von ihm hörte, war übrigens „Galaxie“. Es stellte sich heraus, dass der Knirps alle Wörter seiner Muttersprache kannte. Er wusste nur nicht, dass ihm das nützt. Seine ersten 5 Jahre hatte er vor einem Fernseher verbracht und nur rote Nahrung bekommen (was wir aus seiner Reaktion auf alle anderen Speisen gefolgert haben), also Paprika-Chips und irgendwas mit Ketchup. Nachdem er einmal verstanden hatte, wozu Sprache da ist, hat er in wenigen Wochen so riesige Sprünge gemacht, es war die wahre Freude!

An diesem Beispiel durfte ich staunend miterleben, wie jemand das entwickelt, was Bandura Selbstwirksamkeit nennt. Menschen müssen lernen, wozu sie fähig sind. Wenn wir nicht wissen, dass wir mit einer Situation umgehen können, neigen wir dazu, sie zu ignorieren oder uns seltsam zu benehmen. Unsere Welt heute besteht auf weiter Strecke aus dem Konsum von Informationen. Aber wann wenden wir das, was wir da sehen, hören, lesen, im realen Leben an, in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen, zur gemeinsamen Problemlösung? Meine Studenten sagen mir, dass sie Probleme im direkten, zwischenmenschlichen Kontakt haben. Weil sie es nicht mehr lernen! Interessanterweise legen sie ihr Smartphone danach aber nicht zur Seite.

Menschen laufen sehenden Auges in die Katastrophe, weil sie nicht wissen, dass sie es nicht müssen.

Wer von oben herab mit den Menschen redet, jeden, der anderer Meinung ist, als dumm und ungebildet abtut, und nur zuhört, um das eigene Gegenargument vorzubereiten statt um zu lernen, der kann niemanden überzeugen. Ohne Vertrauen in die Menschen, die eine Lösung anbieten, wird die Lösung nicht akzeptiert, Und ohne Vertrauen und echtes Interesse an denen, für die wir Lösungen entwickeln, werden unsere Lösungen am eigentlichen Problem immer wieder vorbeigehen. Und dann enden wir mit Innenstädten voller Elektroroller, die kein einziges Auto ersetzen, sondern den öffentlichen Raum zusätzlich blockieren und nach wenigen Monaten als Schrott auf afrikanischen Müllhalden landen, statt mit U-Bahnen, die auch die Nacht durch fahren.

Welche Katastrophe?

Mich persönlich nerven am meisten die Fatalisten. Leute, die mir erzählen, dass Umweltschutz egal ist, weil ‚irgendwann ist hier eben Feierabend‘. Das stimmt zwar faktisch. Aber das ist doch eine idiotische Einstellung zum Leben. Das ist wie sich umbringen, weil man eh irgendwann stirbt. Wobei das ja wenigstens konsequent wäre.

Wichtig! Wenn du mit dem Gedanken spielst, dir oder jemand anders etwas anzutun, oder wenn es dir ständig schlecht geht, bitte jemanden um Hilfe! Die Telefonseelsorge ist unter 0800 1110111 rund um die Uhr kostenlos zu erreichen.

Nach dieser Logik hätten wir Transportmittel, Medizin oder Kunst nicht entwickeln müssen, schon allein, weil es sie irgendwann nicht mehr geben wird. Dann kann man eine Katastrophe auch sportlich sehen, nach dem Motto: No risk, no fun. Sinn in diesem Leben zu finden, ist nicht so ganz einfach. Aber während ihr noch dabei seid, erwachsen zu werden, könntet ihr einfach mal nicht weiter zum Problem beitragen für alle diejenigen, die da schon weiter sind? Wenn es euch egal ist, dann lasst doch uns entscheiden.

In dieselbe Kategorie gehören auch all jene, für die klar ist, dass alles schon so kommt, wie es soll, und die ihr Verhalten deshalb nicht ändern. Eine gewisse Gelassenheit ist ja gut und schön. Aber die sollte nicht dazu führen, dass wir uns hinlegen und weiterschlafen. Mit Gelassenheit kann man Informationen rational filtern, intelligente Entscheidungen treffen und nutzlosen Aktionismus vermeiden. Was für eine Verschwendung von Biomasse, wenn gelassene Menschen sich nicht einbringen!

Aber vielleicht passiert ja gar nichts

Natalie Junge Kopf in den Sand angesichts der Katastrophe
Schluss mit Kopf in den Sand!

Ja. Vielleicht ist die aktuelle Erwärmung des Planeten nur eine kurzzeitige Schwankung oder ein fetter Vulkanausbruch verdunkelt den Himmel und kühlt uns nochmal runter. Und dann wäre es schon echt doof, wenn wir ganz umsonst regenerative Energiequellen entwickelt hätten, tragfähige soziale Sicherungssysteme für eine vollautomatisierte Welt oder exzellente Bildungspolitik.

Oder ein Wirtschaftssystem, in dem alle profitieren, die Amerikaner krankenversichert sind, wir Renten beziehen, von denen man leben kann, und alle Inder Zugang zu Toiletten haben. Und das nicht darauf basiert, dass wir immer produktiver werden, obwohl wir schon jetzt mehr Ressourcen nutzen als nachwachsen können und dabei Depressionen und Burn-Out in einer Häufigkeit entwickeln als wäre es der herbstliche, grippale Infekt.

Wir sollten die Profis sein

Nachhaltigkeit ist übrigens ein deutsches Konzept. Kommt aus der Forstwirtschaft und bedeutet, einem Wald nur so viele Bäume zu entnehmen wie nachwachsen können. Jeder, der mit und in der Natur lebt, weiß, dass sie am Ende immer gewinnt. Entweder wir leben mit ihr im Einklang. Oder sie hungert uns aus. Und daran wird auch Laborfleisch nichts ändern.

Außer natürlich für die, die sich Laborfleisch dann leisten können, weil sie vorher mit der Zerstörung von Lebensräumen viel Geld verdient haben, während der Rest von uns damit beschäftigt war, sich wahlweise über Greta oder Donald zu echauffieren. Oder über beide. Wir müssen unsere Differenzen überwinden und gemeinsam verstehen, dass wir unsere Zukunft gestalten können. Auszusterben, weil der, den man mitretten soll, so ein Idiot ist, wäre echt albern.  


Auch in Unternehmen spielen diese vielfältigen Überlegungen bei Krisen, Katastrophen und ihrer Bewältigung eine Rolle. Welche Risiken erkennen wir, welche möglicherweise auch nicht? Woher stammen unsere Informationen, und wie vertrauenswürdig ist die Quelle? Wie gehen wir mit diesen Erkenntnissen und den damit verbundenen Unsicherheiten um? Welche Ressourcen sind wir bereit, für Vorsorge und Prävention zu investieren? Wer profitiert davon, wer zahlt den Preis? Was, wenn wir gar nicht in der Lage sind, bestimmten Risiken zu begegnen? Und wann muss wer worüber informiert werden?

Bin ich die richtige Beraterin für deine Situation? Vereinbare einen Gesprächstermin und finde es raus!

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