Beitragsbild Häusliche Gewalt

Gewalt ist keine Lösung

Eigentlich wollte ich heute über Führung in Krisenzeiten schreiben. Aber das kann ich auch nächste Woche noch machen. Die Krise wird dann ja nicht vorbei sein. Ich hatte vorhin beim Einkaufen ein Erlebnis, das mir klar gemacht hat, dass eine andere Entwicklung gerade vielleicht drängender ist: Häusliche Gewalt.

Schon seit den ersten Empfehlungen zum Zuhause Bleiben weisen Frauenrechts– und Kinderschutzorganisationen auf dieses Risiko hin. Dass eben jene, Frauen und Kinder, jetzt unter Umständen mit Tätern zuhause eingesperrt sind. Und das ist ein wichtiger Punkt. Aber nicht der einzige. Es geht mir nämlich heute nicht (vorrangig) um diejenigen, die ohnehin in einer Gewaltsituation leben. Ich möchte mich heute an die wenden, bei denen das Risiko besteht, erstmals Täter*in zu werden. Das kam so:

Ein seltsamer Nebeneffekt der Corona-Krise ist, dass derzeit Menschen mit der Führung ihres Haushalts beschäftigt sind, die davon – allen Statistiken zufolge – meist befreit bleiben: Männer. Genauer gesagt, berufstätige Männer, die wegen der Ausgangs- und Kontaktsperren jetzt im Home-Office sitzen und ihre Kinder hüten. Vielleicht während die Frau – um das Klischee zu Ende zu bedienen – im Krankenhaus oder Supermarkt die Stellung hält. Jedenfalls war heute der Stresslevel im Supermarkt deutlich erhöht. An der Kasse führte jemand in der Nebenschlange unüberhörbar ein Telefonat. Darin ging es um wegbrechende Aufträge und um ganz schön viel Frust.

Risikofaktor Druck

Nun gehe ich nicht davon aus, dass der gute Mann nach Hause fährt und seine Kinder vermöbelt. Aber klar ist auch: Druck erhöht das Risiko, sich selbst oder anderen Gewalt anzutun. Unter Druck stehen wir doch gerade alle.

Die Kinder dürfen nicht zur Schule oder in den Kindergarten. Ihnen fehlen die sozialen Kontakte. Sie können nicht draußen rumtoben. Und wenn wir ehrlich sind, wäre es auch ganz schön, wenn sie sich drinnen leise und selbst beschäftigen würden. Damit wir im Home-Office die Chance haben irgendwas wegzuschaffen. Ach, und weil die Nachbarn sich auch schon beschwert haben.

Einige von uns arbeiten jetzt von zuhause. Der Chef und die Kollegen denken, dass man da doch wunderbar produktiv sein kann. Ganz nebenbei sollst du die Kinder beschulen, bekochen und endlich mal SO VIEL Quality-Time miteinander haben! Aber können die Gören mal bitte leise sein während der TelKo?!? Wieso hast du die denn nicht besser im Griff? Du musst denen mal beibringen, sich selbst zu beschäftigen. Selbst schuld, die dürfen bei dir ja immer alles. Was hast du die auch so verzogen. Du musst dich halt besser organisieren, höhö.

Wer soll das aushalten?

Einige gehen ganz normal ihrem Job nach. Ziemlich viele sogar. Das denkt man ja gar nicht, wenn man in seiner Twitter-Blase nur Lehrkräfte, Autoren und Berater*innen hat, die jetzt alle lernen, wie Zoom funktioniert. Aber ein großer Teil der Erwachsenenwelt geht mit einigen Anpassungen einfach weiter. Wenn es denn gelungen ist, die Kinderbetreuung zu organisieren. Nur kommt man jetzt abends zu Menschen nach Hause, die DEN GANZEN TAG drinnen und alleine waren. Redebedarf haben. Ansprüche stellen. Sorgen haben. Und ich bin kaputt, warum hast du nicht gekocht, soll ich das etwa auch noch machen, Herrje, jetzt bring doch mal die Kinder ins Bett und lass mich 10 Minuten in Ruhe!

Dann sind da diejenigen, bei denen die wirtschaftlichen Folgen voll durchschlagen. Die Künstler und Veranstalter. Die Gastronomen und ihre Aushilfen. Die Ladenbesitzer und Kurzarbeiter. Unternehmer, die nicht wissen, ob es ihr Geschäft, ihren Lebenstraum, ihr Lebenswerk nach der Krise noch gibt. Ihre Mitarbeiter, die sich um ihre Jobs sorgen. Aber auch die Führungskräfte, Personaler und Abteilungsleiter, die mit dem Druck in der Firma umgehen müssen. Sie sind diejenigen, die den Mitarbeitern die schlechten Nachrichten überbringen und die Ängste aushalten müssen. Die jetzt rechnen und hin und her planen, wie die Krise überstanden werden kann. Und ob überhaupt.

Wer wird gewalttätig?

Häusliche Gewalt kommt in allen sozialen Schichten vor. In allen Berufen. Auf allen Bildungsniveaus. Obwohl die überwiegende Mehrzahl der Täter Männer sind, dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass Häusliche Gewalt auch von Frauen ausgeübt wird. Gerade Gewalt gegen Schutzbedürftige, Kinder, Pflegefälle, geht häufiger von Frauen aus, als wir alle wahrhaben wollen. Männer sind Täter, und sie werden auch Opfer. Gewalt gibt es in homosexuellen Beziehungen ebenso wie zwischen Männern und Frauen. Häusliche Gewalt wird von Eltern ausgeübt, von Partnern, allen möglichen anderen Familienmitgliedern und von Kindern.

Wer selbst Gewalt erfahren hat, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, selbst Täter zu werden. Opfer werden oft wiederholt Opfer. Gewalt ist ein Verhaltensmuster, das zum Teil gelernt wird. Das Gute daran ist: Man kann lernen, sich anders zu verhalten. Die kleine Prozentzahl derer, bei denen Gewalttätigkeit ein Symptom oder eine Begleiterscheinung anderer Erkrankungen ist, lassen wir mal außen vor.

Gewalt verläuft oft zyklisch

Im Bereich häusliche Gewalt kann man oft beobachten, dass die Ausbrüche einem bestimmten Muster folgen. Zunächst baut sich beim Täter Spannung auf, Frustration. Vor allem Männer sind in unserer Gesellschaft immer noch darauf konditioniert, mit ihren Ängsten und anderen Gefühlen alleine klar zu kommen. Wenn man aber kein ‚gesundes‘ Ventil findet, um Spannungen abzubauen, sucht man sich entweder ein ungesundes, oder die Spannung baut sich auf, bis man explodiert. Das ist dann z.B. die Entladung in Gewalt.

Wenn genug Spannung aufgebaut ist, kann alles ein Auslöser sein. Ein blöder Spruch, ein falscher Blick, das zerkochte Gemüse. Die von solchen Zyklen betroffenen Opfer berichten häufig, dass sie irgendetwas tun, um den Gewaltausbruch zu provozieren, weil sie die Spannung nicht mehr ertragen. Sie wissen ja, was kommt. Zu bestimmen, wann es passiert, ist für Opfer häuslicher Gewalt dann die einzige Form der Kontrolle.

Nach dem Gewaltausbruch folgt die Reue. Der Täter entschuldigt sich, verspricht Besserung, ist vielleicht eine Zeitlang besonders lieb. Für alle, die sich fragen, warum Opfer bleiben: Unter anderem deshalb. Dass der Täter weiß, was er tut, dass er sich entschuldigt, gibt Hoffnung, dass er sich jetzt wirklich endlich ändert. Aber wenn der Täter jetzt nicht auch wirklich etwas tut, um sich zu ändern, zum Beispiel mit einem Therapeuten zu sprechen, dann ist das nur der Auftakt für die nächste Runde.

So bin ich nicht!

Reue geht häufig mit Scham einher. Oder die Scham über sich selbst folgt direkt danach. Brené Brown hat wegweisende Forschungsarbeit zum Thema Scham geleistet. Kaum ein Gefühl versuchen wir so sehr zu vermeiden wie die Scham. Deshalb hält das Gefühl der Reue auch nicht an. Um das Gefühl wieder loszuwerden, dass man selber schlecht ist, sucht der Täter jetzt nach dem Auslöser, nach dem Grund für sein Verhalten. Beides sucht er außerhalb von sich selbst. Die Frau, der Chef, die wirtschaftliche Situation. Der Staat, der einem den Geschäftsbetrieb untersagt hat. Und nun baut sich neue Spannung auf.

Brené Brown über Scham

Wenn man Gewalt verhindern will, muss man auf allen Ebenen kämpfen. Aber vor allem muss der Täter lernen, bessere Ventile für die Spannung zu finden. Ich bin auch eine große Freundin davon, dass die Opfer sich verändern müssen. Damit meine ich: sich wehren und aus der Situation verschwinden. Das ist kein Victim Blaming. Sondern die Übernahme der Kontrolle über das eigene Schicksal. Wenn du dich bedroht fühlst, bring dich in Sicherheit! Lass es nicht drauf ankommen. Verlass dich nicht darauf, dass der Täter sich ändert. Schütz dich und gegebenenfalls deine Kinder! Hilfe bekommst du bei der Polizei und bei den einschlägigen Beratungsstellen.

Was aber, wenn du die Person bist, die Gewalt ausübt. Oder das Gefühl hat, kurz davor zu sein?

Wenn du bereits in diesem Muster verhaftet bist, brauchst du professionelle Hilfe. Eine Therapie vermutlich. Dazu kann auch gehören, die juristische Verantwortung für deine Taten zu übernehmen. Angst vor der Bestrafung ist ein verständlicher Grund, keine Hilfe zu suchen. Es gibt anonyme Anlaufstellen auch für Täter. Fang an, aus der Gewalt auszusteigen und stell dich den Herausforderungen dabei, wenn sie dran sind.

Gewalt ist keine Lösung

Die aktuelle Situation hat das Potential, viele von uns an ihre Grenzen zu führen. Räumliche Enge, immer dieselben Gesichter, die noch dazu ebenfalls Stress haben, Sorgen ums Geschäft und finanzieller Druck. Auch Menschen, die noch nie gewalttätig waren, können unter genug Druck an den Punkt kommen, dass sie ausflippen. Es kann sehr beängstigend sein, wenn wir merken, dass wir auf so einen Punkt zusteuern. Wichtig ist dann, diese Angst zuzugeben und sich ihr zu stellen. Nur wenn wir hingucken und uns damit beschäftigen, dass wir – ja, auch wir – so gestresst sein können, dass wir jemandem auf die Schnauze hauen wollen, haben wir die Chance, genau das zu verhindern.

Es entspricht nicht unserem Selbstbild, die Kontrolle zu verlieren. Wir sind Unternehmer, Manager, Führungskräfte. Wir haben aus unserer Fähigkeit, mit Druck und Unsicherheit umgehen zu können, einen Beruf gemacht. Wir sind diejenigen, an die sich die anderen wenden, wenn sie nicht weiterwissen. Wie kann ich jetzt an den Punkt kommen, wo ich Angst habe, meiner Partnerin oder meinem Kind etwas anzutun? Oder doch eher mir selbst?

Was kannst du tun?

Du hast den ersten Schritt schon gemacht: Du hast erkannt, dass du ein Problem hast. Und du weißt, dass du etwas unternehmen musst. Ein Faktor ist dabei, die aktuelle Situation unter Kontrolle zu bekommen. Was kannst du tun, um den Druck zu reduzieren? Was sind die Dinge, die dich so stressen? Wenn es Sorgen um den Betrieb sind, hilft vielleicht das Gespräch mit einem befreundeten Unternehmer. Das sollte jemand sein, der in einer ähnlichen Situation ist, aber nicht nur darüber redet, wie schlimm alles ist. Wenn in deinem Umfeld gerade alle leiden, buch eine Stunde bei einem Berater oder Coach. So gut wie alle Kollegen bieten ihre Dienste derzeit auch online an. Du brauchst jemanden, der deine Situation versteht und mit dir Ideen entwickelt, was du tun kannst.

Wie ist die Situation zuhause? Welche Themen stressen euch da? Redet miteinander. Zeig dich verwundbar. Gib zu, dass du überfordert bist. Organisiert jedem von euch Zeit für sich, und wenn es nur eine Tasse Kaffee vor der Tür ist. Verbringt aber auch entspannte Zeit zusammen. Lasst locker. Ihr müsst nicht die ausfallende Schule 1:1 ersetzen. Eure Kinder fallen nicht im Stoff zurück, es sind gerade ALLE zuhause. Ihre Beschäftigung muss nicht immer pädagogisch wertvoll sein. Es ist völlig in Ordnung, die Kinder auch mal mit (altersgemäßen) Medien ruhigzustellen, damit ihr Zeit für euch habt. Der Haushalt kann auch mal liegenbleiben, obwohl ihr zuhause seid. Es kommt doch eh keiner zu Besuch. Habt lieber ein gutes Gespräch. Lest euch mal wieder was vor. Kocht zusammen. Akzeptiert die Ängste des jeweils anderen. Jeder geht mit dieser Krise anders um, und dein Weg ist nicht richtiger oder falscher als der andere.

Spannung und Entspannung

Wenn sich Spannung aufbaut, merken wir das physisch. Das macht den Körper zu einem guten Hilfsmittel, um die Spannung wieder abzubauen. Bau Sport in deinen Alltag ein. Vor allem, wer neuerdings im Home-Office sitzt, unterschätzt leicht, wie viel Bewegung er jetzt nicht mehr hat. Geh spazieren oder joggen (auf die regionalen Vorschriften zum Ausgang achten!). Erledige den Lebensmitteleinkauf zu Fuß. Schmeiß die Spielekonsole an. Tanz zu deiner Lieblingsmusik. Turn dich durch einen Yogakanal auf YouTube. Probier Entspannungstechniken aus. Es gibt zu allem ein Tutorial online. Meine persönlichen Favoriten sind: Yoga, EFT, Progressive Muskelrelaxation, Meditation und eine Tasse Kaffee auf dem Balkon.

Alles, was dir auf gesunde Weise hilft, mit der Situation zurecht zu kommen, ist erlaubt. Alkohol und Schokopudding können mal dabei sein, sind aber beides keine langfristigen Lösungen. Also lieber nicht! Zumal Alkohol enthemmend wirkt, was du nicht gebrauchen kannst, wenn du eh schon mit zum Zerreißen gespannten Nerven durch die Gegend läufst.

Was, wenn es schon passiert ist?

Was aber, wenn es schon zu spät ist? Wenn du bereits zugeschlagen hast? Wichtig ist, dass du jetzt nicht in Selbstmitleid versinkst oder Selbstkasteiung betreibst. Übernimm die Verantwortung für dein Handeln. Schieb sie nicht dem Opfer zu. Und auch keinem anderen. Leugne dem Opfer gegenüber nicht, was passiert ist. Er oder sie war dabei. Ihre Wahrnehmung ist relevant. Und jetzt ruf eine Beratungsstelle an und sprich mit einer Fachkraft darüber. Um Hilfe zu bitten, wenn man nicht mehr kann, ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil. Es bedeutet, dass man Verantwortung dafür übernimmt, dass die Situation wieder besser wird.

Diese Krise wird irgendwann vorbei sein. Es liegt jetzt an dir, die Weichen zu stellen. Wirst du, wird eure Beziehung aus dieser Krise gestärkt hervorgehen? Oder wirst du zulassen, dass ein Virus dein Leben zerstört, obwohl du ihn gar nicht hattest?

Stay safe, and keep your loved ones safe! Natalie


Quellen:

Beitragsbild: Hilfetelefon https://www.hilfetelefon.de/materialien/freianzeigen.html

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